Jeder Selbstmord ist zu früh

Hans Pleschinski über seine Roman Ludwigshöhe und das Münchner Lebensgefühl.
Interview: Katrin Hillgruber, Süddeutsche Zeitung, 28.10.2008

 

Ein heiterer Roman über eine Gruppe schwermutiger "Finalisten", versammelt in einer Villa am Starnberger See: mit "Ludwigshöhe" (Verlag C.H. Beck) ist Hans Pleschinski ein luzides Gesellschaftspanorama gelungen.

SZ: Herr Pleschinski, als Sie im September in Osnabruck den Nicolas-Born-Preis erhielten, zitierte Sie der Laudator Tilman Krause mit dem Wunsch: "Ich möchte eine gewisse Festlichkeit und Lebensheiterkeit in die deutsche Literatur einbringen." Klingt da die ewige deutsche Sehnsucht nach Leichtigkeit an, Goethes Italien-Liebe?

Pleschinski: Dieser Wunsch, Festlichkeit in die Literatur einzubringen, ist kein theoretisches Programm, sondern kommt wahrscheinlich aus dem eigenen Fleisch heraus und aus der Sozialisation in den 1970er Jahren, als man einfach sagen konnte: Es geht den Menschen gut in Deutschland, wir haben eine Freiheitlichkeit, schlimmste Zeiten sind überwunden. Diese Prägung meinte fur mich auch, in der Literatur davon Zeugnis ablegen zu können, dass spielerische Varianten des Lebens völlig legitim sind, dass man aus dieser Nabelschau heraus sollte. Als ich als 18-Jähriger mit meinem ersten Romanmanuskript nach Munchen kam, sagte mir eine Lektorin: "Leben Sie nicht in einer Wohngemeinschaft? Schreiben Sie doch darüber und mehr aus dem Bauch heraus! ". Das, dachte ich, hat mit Literatur gar nichts zu tun.

SZ: Wie hatten Sie das Manuskript genannt?

Pleschinski: "Ansichten und Aussichten einiger Leute von draußen", er wurde aber nie veroffentlicht. Ich habe ihn wahrend des Zivildiensts geschrieben, in einem Celler Johanniterheim für vertriebene Adlige aus den Ostgebieten. Dort gab es etliche uber 80-Jahrige, die geistig sehr fit waren und sagten: "Wenn Sie Lehrer werden, Herr Pleschinski, ist uns das zu langweilig. Sie müssen mehr mit Ihrem Leken riskieren." Da dachte ich: Dann gehe ich nach München und studiere Theaterwissenschaft, das war risikoreich genug.

SZ: In Ihrer Osnabrücker Dankesrede sagtcn sie, Sie seien kein "Nordlandverleugner", obwohl Sie schon lange in München leben. Was bedeutet Ihnen die Stadt als Schreibort?

Pleschinski: Mittlerweile habe ich generell zwei Heimaten - oder keine. Das sind eben das norddeutsche Flachland und München, einfach durch die Zeit, die ich hier lebe. Merkwürdigerweise habe ich als Schriftsteller viele Leser im Norden und offenbar auch im Münchner Raum. Es ist recht ungewöhnlich, eine Nord-Süd-Klammer zu sein. München ist durchwegs immer anregend gewesen, obwohl ich mir pulsierendere Großstädte vorstellen kann. Aber hier lebe ich doch permanent unter einer fruchtbaren Spannung. München war für mich selten eine Stadt der Gemütlichkeit, sondern eine Stadt der Leistung, auch schlicht durch die Preise. Das Gemütliche und das Kulturelle sind Garnitur und Belohnung. Andererseits erscheint mir München mitunter viel europäischer als Berlin. Berlin ist sehr auf Deutschland und Deutsches fixiert, während man hier doch den Südraum hat. Seit alters her ist Bayern - auch durch die Wittelsbacher - zwanglos mit Europa verbunden. Und das meint oft die Freiheit, über deutsche Befindlichkeiten hinaus die Welt wahrzunehmen.

SZ: Spiegelt sich das auch in ihrem neuen Buch?

Pleschinski: "Ludwigshöhe" ist für mich auch eine Art föderalistischer Roman, denn mir scheint es mittlerweile genug Berlin-Geschichten und Berlin-Romane zu geben, dazu dieses Hauptstadtgetöse. Mit dem Handlungsort wollte ich als Norddeutscher mit meinem Vermögen der bayerischen Heimat ein Geschenk zurückgeben.

SZ: Verbirgt sich in "Ludwigshöhe" eine Hommage an den Ästheten Ludwig 11., der im Starnberger See ertrank?

Pleschinski: Vielleicht eher an Ludwig I., der Schönheit in Bayern der Welt zugewandtet zu etablieren versuchte. An dem Arbeitstitel "Ludwigshöhe" war nicht weiter zu rütteln. Er kommt mir klassizistisch vor, und München ist ja eine klassizistische Stadt. Es geht um Lebensmüde und Selbstmörder am Starnberger See, da wiederum schwingt natürlich das tragische Ende Ludwigs II. mit.

SZ: Sie behandeln das Thema Sterbehilfe in einem zuweilen sehr burlesken Stil. Wie kamen Sie darauf, wo haben Sie recherchiert?

Pleschinski: Den Plan zu diesem Roman hatte ich vor 25 Jahren gefasst. Er spielte damals in Norddeutschland und hieß "Gösselhövede". Ich hatte aber noch nicht die Kraft, dieses Thema zu bewältigen. Das Thema Sterbehilfe ist jetzt beim Schreiben in den vergangenen drei Jahren akuter geworden. Ich habe es hoffentlich unjournalistisch mit einbezogen in den Roman, denn es geht ja auch darum, bei welchen Figuren der Leser sagen wird: "Ja, diese hat das Recht, ihr Leben zu beenden, jene ist etwas feige, sollte weiterkämpfen." Generell gibt es aber in "Ludwigshöhe" den Befund: "Fast jeder Selbstmord ist zu früh." Informiert habe ich mich - das war das Bedrückendste an der Arbeit - in der Sekundärliteratur zu Lebensmüden, Freitod und auch Sterbehilfe. Ich hatte nicht damit gerechnet, wie qualvoll und bitter Texte zu diesem Thema sind, die ich in meinem Roman in etwas Lebenswerteres überführen wolIte. Die Tabuisierung des Todes, des Leidens und der Verzweiflung in unserer Gesellschaft war sicher ein weiterer Motor, fast 600 Seiten lang immer wieder darüber zu sprechen.

SZ: "Ludwigshöhe" spielt auf ihren anderen Ensembleroman "Brabant" an. Sie lassen auch Figuren aus früheren Büchern erscheinen, wie Christine Perlacher, die frustrierte Mittvierzigerin aus "Leichtes Licht".

Pleschinski: Ebenso Gabi Lenz aus "Werden und Wollen" von 1984. Wenn man sich an ein Buch dieses Umfangs setzt und nicht weiß, wie man hinterher ausschaut, versucht man, Kapitel für Kapitel auch eine Summe seines Könnens und Lebens zu ziehen, und dazu gehören die früheren Buchgestalten, die ich da und dort aufrufe. Es hat sich zudem über zwei Jahrzehnte eine Lesergemeinde gefunden, die sich darüber freut, wenn alte Bekannte weiterleben. Wie generell für den Schluss des neuen Romans gilt: Alles bleibt offen. Und so leben auch viele Figuren weiter. Ich trenne mich schwer von meinen Figuren und töte sie auch sehr ungern.